Exercices du Silence
Bericht in 14 Szenen für Stimme, Klavier und Elektronik von Brice Pauset
Text von Brice Pauset nach Briefen von Louise du Néant
in Kooperation mit dem IRCAM, Paris
Lectures will be held in German
VORWORT
Pre-performance lecture, 45 minutes prior to each performance
KASTEIUNG, EKSTASE, ASKESE
Eine schlichte Predigt brachte die junge Adlige dazu, ihr Leben Gott zu weihen und in die tiefsten mystischen Abgründe zu tauchen.
Aus den Briefen der Louise du Néant formte Brice Pauset 300 Jahre später ein Monodram für Stimme, Klavier und Elektronik.
Eines Tages verbrachte ich drei Stunden in Seiner Gegenwart, ich empfand eine Wonne, die zu beschreiben mir unmöglich ist; ich hatte mich, allein mit meinem göttlichen Gatten, in mein Gebet eingeschlossen, und es schien, als sprächen wir ganz offen miteinander von Angesicht zu Angesicht. Er erläuterte mir Seine Pläne mein Schicksal betreffend; Er gab mir zu verstehen, dass mein Tod nicht so bald bevorstünde, sondern Er mich am Leben erhalten werde, um mich Schmerzen erleiden zu lassen, die ich kaum ertragen könne, es sei denn, Er erwiese mir besondere Gnade. Dies wiederholte Er mehrmals. Ja, sagte Er, mein liebes Kind und meine Gattin, ich will mit dir verbunden sein durch die großen Leiden, die ich für dich plane, sei beharrlich...
Ich gehöre mir nicht mehr; mein Herz, meine Seele, mein Körper und alles, was ich bin, ist Eigentum Gottes...
Ich werde allerorts schreiend verkünden: Liebe, Liebe, ich will nur noch von der göttlichen Liebe leben ...
Ich schloss mich in meinem Kerker ein und, da mein geliebter Herr mir kein Versöhnungszeichen schickte, nahm ich ein großes Kreuz in meine Arme, warf mich auf die Knie, betrachtete es starr und sagte: Oh gutes Kreuz, oh geliebte Gattin meines Herrn! Ich muss auf die Seite gefesselt werden, die Er frei gelassen hat – für mich hat Er sie frei gelassen ...
Ich hatte mich für meine Andacht in einen Beichtstuhl zurückgezogen, als mir die heilige Madeleine erschien, die meinem Herrn Jesus die Füße küsste. Ich ward von einer solch maßlosen Eifersucht auf sie ergriffen, dass ich in ein Gekreisch ausbrach, das Euch wie Wahnsinn erscheinen muss. Gebt mir Euren Platz, sagte ich zu ihr; ich will ihn auch besitzen. Dies war nicht das erste Mal, dass mir solches widerfuhr. Sie zog sich jedoch nicht zurück und so ergriff ich mein Kruzifix, küsste meinerseits seine Füße und sprach zu ihr: Er gehört mir ebenso wie Euch. Ich starrte Ihn unverwandt an, und Tränen schossen mir in die Augen; ich versprach Ihm, tausendfach Buße zu tun wie Madeleine, Ihm zum Wohlgefallen ...